Some I murder, Some I let go
Wenige Filmemacher der Gegenwart können es im Einsatz von Popmusik mit der Virtuosität von Danny Boyle aufnehmen. Angefangen bei „Born Slippy“ von Underworld („Lager lager lager shouting / Mega mega white thing“), das in „Trainspotting" (1996) das große weiße Rauschen der Drogenkultur punktgenau festhält, tat sich der Schotte immer wieder dadurch hervor, mit präzise ausgewählten Songs einerseits die Stimmung seiner Bilder zu verstärken, andererseits ihre Aussage zu unterfüttern, zu kommentieren. In „The Beach“ (2000) läuft Leonardo DiCaprio zum wummernden Technobeat von „Out of Control“ der Chemical Brothers Amok, in „28 Days Later“ (2002) lässt Boyle die Menschheit nach unablässigen Bildern der Raserei mit dem erhabenen „Season Song“ von Blue States neue Hoffnung schöpfen; in „Sunshine“ (2007) verweist der Underworld-Song „Peggy Sussed“ mit seinen „Halleluyah“- Zwischenrufen auf die religiöse Komponente des Films, in dem sich der Mensch anmaßt, Gott zu spielen.
In SLUMDOG MILLIONÄR ist die Interaktion zwischen dem ausgewählten Musikmaterial und dem Inhalt des Films komplexer denn je. Vordergründig erzählt Boyles Film die Geschichte einer Liebe, die Schicksal ist: Örtliche und zeitliche Trennung können ihr nicht nur nichts anhaben, sie macht sie nur noch stärker, macht Jamal, den Helden von SLUMDOG MILLIONÄR, nur noch entschlossener – ein inhaltliches Versatzstück, das Antrieb und Überzeugung einer Vielzahl gängiger Bollywood-Filme ist. Danny Boyle greift diese Konvention des indischen Kinos auf, macht dies aber aus der Perspektive desjenigen, der von außen nach innen blickt. Er betrachtet einen essenziell indischen Stoff mit den Augen des Westens und filtert das Ideal von der großen Liebe durch die Realität. Er zeigt die Herkunft seiner Helden ungeschminkt, verschließt seine Augen auch nicht vor Armut, Elend und Verzweiflung. So wird SLUMDOG MILLIONÄR auch ein Film über die wirtschaftliche Realität eines Landes, in dem die Schere zwischen Armut und Reichtum nicht weiter auseinanderklaffen könnte: Auf den Slums von einst werden buchstäblich die Wolkenkratzer von morgen errichtet. Wo die einen sich bereichern, müssen andere zwangsläufig ärmer werden. Es ist ein Film darüber, wie Reich und Arm voneinander abhängen, über die Politik der Globalisierung, über die Verantwortung, die die Erste Welt für das Schicksal der Dritten Welt trägt.
Überdeutlich wird das in Boyles Musikauswahl. Während der Score selbst vom legendären indischen Filmkomponisten A. R. Rahman stammt, findet sich in guter Boyle- Tradition an zwei Stellen des Films moderne britische Popmusik. Nachdem Jamal und seinem Bruder Salim die Flucht aus den Fängen des Kinderhändlers Maman gelingt, lassen sie ihre alte Welt hinter sich und reisen in einer berauschenden Montage als blinde Passagiere auf den Dächern von Zügen durch Indien. Die Szene wird untermalt mit dem Song „Paper Planes“ von MIA, der sich auf dem weltweit von der Musikkritik gefeierten Album „Kala“ findet und trotz seines brisanten Inhalts in den USA zum Überraschungshit mauserte, nachdem er im Trailer der Actionkomödie „Ananas Express“ („Pineapple Express“, 2008) zum Einsatz kam.
MIA ist das Pseudonym der 31-jährigen Britin Mathangi „Maya“ Arulpragasam, die 1977 in London geboren wird. Als sie sechs Monate alt ist, ziehen ihre tamilischen Eltern zurück in ihre Heimat Sri Lanka, wo sich ihr Vater dem paramilitärischen Widerstand der „Befreigungstiger für Tamil Eelam“ anschließt. Maya selbst wird Zeugin ethnischer Säuberungen, unter anderem an ihrer Schule, bevor sie als Zehnjährige mit ihrer Mutter nach England zurückkehrt. Nach ihrem Studium am Londoner Saint Martins College of Art beginnt sie, Musik zu machen. 2005 sorgt sie mit ihrem Debüt „Arular“ (benannt nach ihrem Vater Arul) für Furore. MIA bedient sich der westlichen Tanzmusik, speist ihre minimalistischen und doch treibenden Songs aber vornehmlich mit Versatzstücken asiatischer Musik und prägnanten Samples. Kontrovers werden ihre kompromisslosen Texte diskutiert, in denen MIA sich zum Sprachrohr sozial benachteiligter Immigranten und unterdrückter Minderheiten macht – in Zeiten akuter Terrorangst bezieht sie klar Position und stellt infrage, wer die wahren Terroristen sind. Das zweite Album „Kala“ (benannt nach ihrer Mutter) erscheint 2007 und ist noch radikaler: Die explosive Musik greift noch stärker Elemente traditioneller Musik aus der Dritten Welt auf, und Maya rappt in ihrem unvergleichlichen Slang über Armut und Elend, ihr Selbstbewusstsein als Frau und das Ungleichgewicht von Macht in der Zeit nach dem 11. September.
„Paper Planes“ wird schnell zum meistdiskutierten Song der Platte: Im Refrain singt ein Kinderchor „All I wanna do is“, darauf hört man vier schnell aufeinander folgende Schüsse, gefolgt von „and take your money“ und dem Klingeln einer Registrierkasse. Zum Abschluss lässt MIA in einem Singsang die Zeilen „Some some some I some I murder / Some I some I let go“ hören. Sie selbst erklärt, der Text sei eine Reaktion darauf, 2006 an der Einreise in die USA gehindert worden zu sein.
Tracks
| 01. O... Saya |
| 02. Riots |
| 03. Mausam & Escape |
| 04. Paper Planes |
| 05. Paper Planes [DFA Remix] |
| 06. Ringa Ringa |
| 07. Liquid Dance |
| 08. Latika's Theme |
| 09. Aaj Ki Raat |
| 10. Millionaire |
| 11. Gangsta Blues |
| 12. Dreams on Fire |
| 13. Jai Ho |





















