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Hochsommerlich-karge Landschaften in Patagonien bilden den Hintergrund für die Coming-of-Age- Meditation GLUE, den preisgekrönten Debütfilm von Alexis Dos Santos. Die intensive Kamerarbeit und die improvisatorische Schauspielerführung sorgen für eine dichte, fast experimentelle Studie über das Teenager-Seins am Ende der Welt. Mit einem passenden Soundtrack aus Songs u.a. der Violent Femmes. Produziert u.a. von Isabel Coixet.

Eine Kleinstadt im Nirgendwo – inmitten der weiten und wüstenähnlichen Ebenen von Patagonien. Hier lebt der 15jährige Lucas, eine schlaksige Zeitbombe aus Hormonen, Langeweile und Sehnsucht. Er hängt mit seinem besten Freund Nacho herum und mit der schüchternen Andrea lassen sie sich treiben im Strudel des Erwachsenwerdens, erleben das Gefühl der Freiheit und die Angst vor dem Versagen, singen traurig-rotzige Punklieder und versuchen sich an Drogen. Hinter allem steht die Sehnsucht nach dem ersten Sex. Die Freundschaft zwischen Lucas und Nacho verändert sich – Grenzen werden fließend und eine Nacht des Rausches endet klebrig. Verwirrungen und Aufregungen der Teenager-Jahre, authentisch und poetisch eingefangen von Regie-Debütant Alexis Dos Santos.

Woher weiß ich, ob ein Mädchen auf mich steht?
Und wie kann ich sie dazu bringen, dass sie auf mich steht?
Diesen Sommer muss es passieren!
Mein Körper erträgt es nicht mehr länger...

Teenager sein ist ein Ausnahmezustand. Auch am Ende der Welt – in den kargen, wüstenähnlichen Weiten Patagoniens. Lucas ist 15, hat feuerrote Haare, zu einer Punkfrisur gestylt, und denkt wie sein Freund Nacho den ganzen Tag an Sex – und natürlich auch daran, was der Sinn des Lebens sein und wie seine Zukunft aussehen könnte. Seine Eltern sind kein Vorbild für ihn – sein Vater hat eine Freundin und lebt in Neuquem. Seine Mutter versucht, ihre Ehe zu retten.

In Lucas’ Leben spielen andere Dinge eine Rolle – Fahrradfahren zum Beispiel (ein Zustand!), seine Rockband, Mädchen (obwohl er sich nicht an sie herantraut) – und Nacho... Nacho hat mehr Haare an den Beinen und unter den Achseln und Lucas fragt sich, woran Nacho denkt, wenn er wichst. Um etwas gegen ihren Hormonstau zu unternehmen, haben die beiden einen Plan: sie wollen ein Mädchen (oder zwei) in ein Stundenhotel oder die leere Wohnung von Lucas’ Vater in Neuquem locken, um sie dort zu verführen. Ihre Wahl fällt auf die schüchterne Andrea – die allerdings lässt sie sitzen. Mit etwas Klebstoff Schnüffeln und einem Porno-TV-Kanal sind die beiden Freunde bald soweit, sich miteinander zu trösten.

Worin liegt der Unterschied, einen Jungen und ein Mädchen zu küssen?
Jungs haben Bärte, sonst ist es das gleiche.

Lucas’ geheimen Gedanken über das Erwachsen-Werden und die Gefühle dabei werden in GLUE als fiktives Super-8-Tagebuch gezeigt. Auch Andrea darf auf diese Weise von sich erzählen – ihre Reflexionen sind durchaus vergleichbar, auch wenn sie bedauert, weniger Möglichkeiten als Jungs zu haben, mit ihrer Schüchternheit und ihrer Sehsucht nach dem ersten Kuss klarzukommen:

Warum haben Mädchen keine Rockbands?

Nach einer Party mit vielen selbstgeschriebenen Punksongs und reichlich Alkohol machen Lucas, Nacho und Andrea erste Erfahrungen miteinander – und sind danach zu dritt unterwegs. Auch Lucas’ Familie wagt einen Neuanfang – mit wildem Zelten und einem Flug über die patagonischen Ebenen. Lucas betrachtet die Flamingos und setzt wieder seinen Walkman mit der Teenager-Blues-Musik auf – seine Schwester darf mithören.

Ich will reisen.

Coming-of-Age-Filme gibt es viele. Kaum einer ist so genau, fantasievoll und jugendlich inszeniert wie GLUE. Sein außergewöhnliches Setting erscheint zwar unwirklich, ist aber real – Regisseur Alexis Dos Santos hat selbst seine Jugend in einem patagonischen Dorf verbracht. Die roten Farben, der Wind, die Trockenheit und die wie angeklebt wirkenden einzelnen Wolken erscheinen wie der direkte visuelle Ausdruck der unbestimmten Sehnsucht und des Verlangens der jugendlichen Protagonisten: Desierto, Desierto, entre mis piernas – mojarme, mojarme! (Wüste, Wüste, zwischen meinen Beinen – mach mich nass, mach mich nass !) Wie die Kamerafrau Natasha Braier diese Landschaft einfängt und Lucas und die anderen Jugendlichen dort inszeniert, schafft im Lauf des Films einen immerneuen, vielschichtigen Eindruck des Außenseiter-Seins mit all seiner Skurrilität, Melancholie und Schönheit.

Die Violent Femmes, Kultband der 80er, passen genau wie die Songs von Kimya Dawson (von den Moldy Peaches) zum Blues und der Rebellion der Teenagerzeit – und sind nicht weit entfernt von den Indie-Bands der heutigen Generation von Jugendlichen, die genauso zwischen den Angeboten und Zumutungen (sexueller) Identität balancieren.

Die Schauspieler, mit denen Alexis dos Santos diesen Film gemacht hat, improvisieren über ihre eigenen Erfahrungen. Das macht die Dichte an präzisen Gesten und Bewegungen aus, die GLUE so glaubwürdig macht – der geteilte Walkman-Kopfhörer, die aus jahrelangem Zusammensein entstandenen Spiele, das übervorsichtig übergestreifte Shirt, das die Punkfrisur nicht zerstören soll, die Freundschaftsrituale, die ohne Worte funktionieren, die absolute Überzeugung, wie viele Löffel Pulver in einen Kakao gehören, die selbstgeschriebenen Songs... Das hat alles eine große Sicherheit und Wiedererkennbarkeit – genau, wie die Kamera im improvisierenden Begleiten immer den richtigen Ausschnitt findet, weil sie genau hinsieht (und, wie im Fall von Natasha Braier, Musikvideo-Erfahrung hat).

Das Ganze sei „one big teenage experiment“ gewesen, hat Alexis Dos Santos erzählt. Einige Kurzfilme, in denen er seine formale Methode erprobt hatte, ein Script, das in einer Woche geschrieben war, Darsteller, die genau verstanden haben, worum es in dem Film gehen sollte – so konnten die Dreharbeiten abheben, ihre geplanten Proportionen verlassen, und so konnte GLUE als Film selbst zu einem Teenager werden, „with uncontrollable hormones, with uncontrollable thoughts, with insolence, full of secrets and the most punk spirit...“ (Alexis Dos Santos).

Mitfinanziert vom Hubert Bals Fond des Internationalen Film Festivals Rotterdam, hat GLUE seit seiner Premiere 2006 in Toronto weltweit bei Festivals Beachtung und schon mehr als zwölf Preise erhalten. Alexis Dos Santos hat sich mit seinem Erstlingswerk als großes Talent des ohnehin aufregenden jungen argentinischen Films vorgestellt.

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