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Jesus Christus Erlöser
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Am 20. November 1971 möchte Klaus Kinski die „erregendste Geschichte der Menschheit“ erzählen – das Leben von Jesus Christus. Doch er kommt nicht dazu. Das Bühnenprogramm des skandalumwitterten Schauspielers wird durch Zwischenrufe unterbrochen – von einem Publikum, das sich keine Predigt anhören, sondern diskutieren will.

JESUS CHRISTUS ERLÖSER von Peter Geyer zeigt einen tumultartigen Abend gegenseitiger Beschimpfungen, das Ringen eines Schauspielers um seinen Text, ein Theater- Happening in einer autoritätskritischen Zeit und das grandiose Scheitern einer literarischen Weltverbesserungsmaßnahme. Geyer vermittelt mithilfe aller verfügbaren Bild- und Tondokumente des Abends erstmals einen hautnahen Eindruck der Live-Situation und schafft damit das außergewöhnliche Zeugnis einer Zeit und eines Ausnahmekünstlers.

Berlin, Deutschlandhalle, 20. November 1971. Auf einer leeren Bühne, einsam im Kegel der Scheinwerfer, tritt Kinski auf. Schulterlanges Haar, einfache Jeans, ein Hemd mit Blumen- und Punktmustern. Ohne Kulissen, ohne Bühneneffekte, ohne Kostüm. Er rezitiert seinen eigenen Text JESUS CHRISTUS ERLÖSER und realisiert damit ein Projekt, mit dem er sich schon über zehn Jahre beschäftigt.

Es ist die Zeit der Hippiebewegung, das Musical JESUS CHRIST SUPERSTAR von Andrew Lloyd Webber feiert gerade auch in Deutschland einen sensationellen Erfolg. Vielen ist gerade nach gewaltlosem Widerstand.

Doch der JESUS von Klaus Kinski ist kein Hippie-Happening. Es soll eine hochemotionale, ganz auf die Stimme des Schauspielers reduzierte Erzählung werden – ihr Inhalt die laut Kinski „erregendste Geschichte der Menschheit: Das Leben von Jesus Christus“ als einem der „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so wie wir alle sein will. Du und Ich.“

Klaus Kinskis Ruf in Deutschland ist der eines exzentrischen Provokateurs. Da er seit 1962 nicht mehr mit einem Bühnenprogramm zu sehen war, ist er den Meisten nur als verschrobener Filmstar bekannt, der seine beste Zeit schon hinter sich hat. Die Theaterleiter fürchten ein blasphemisches Programm und zögern mit Ihren Engagements. Viele glauben, Kinski identifiziere sich mit seiner Hauptfigur und möchte sich als neuer Jesus aufspielen, als Wortführer einer Jugendbewegung.

Der Film JESUS CHRISTUS ERLÖSER von Peter Geyer zeigt den abendlangen Versuch eines Schauspielers, seinen Text sprechen zu dürfen. Der Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle sollte der Auftakt zu einer geplanten weltweiten Tournee sein. Man sieht als Intro die in der Stadt hängenden Plakate, das erwartungsvoll hereinströmende Publikum, die Polizisten, die den Einlass überwachen.

Als Kinski auftritt, mit leiser, intensiver Stimme den in Steckbriefform („Gesucht wird Jesus Christus“) verfassten Textbeginn rezitiert, dauert es gerade mal fünf Minuten, bis die ersten Zwischenrufe kommen. Kinski reagiert – der Steckbriefbeschreibung „er trägt nie Uniform“ hängt er ein an den Störer gerichtetes „und hat keine große Schnauze“ an – und sorgt damit für einen ersten Tumult.

Es gibt Widerstand gegen die Kinski-Predigt, Zweifel an seiner Autorität der Jesusdarstellung. Vereinzelt sind aus dem Publikum höhnische Bemerkungen hörbar („Der hat ja schon seine Million vom Film“). Die wenigsten der 3000 bis 5000 Zuschauer sind gekommen, um ihm zuzuhören. Man möchte ihn provozieren, mit ihm diskutieren, den Straßenkampf in der Halle fortsetzen. Man erträgt nicht, dass da jemand von der Bühne herunter ‚ewige Wahrheiten’ verkündet. Man nimmt den vortragenden Künstler nur als einen selbsternannten Glaubensführer wahr. Kinski lässt sich ein paar Mal unterbrechen, dann tritt er ab, kommt wieder, wird wieder unterbrochen, bittet Zuhörer auf die Bühne, denen er wiederum ins Wort fällt, die er als „dumme Sau“ beschimpft, bis er nach einigen Anläufen die Veranstaltung mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns abbricht. Zuvor war er mehr und mehr dazu übergegangen, die Sätze der Bibel gegen sein Publikum zu richten.

So wie dieses kurzschließt, dass Kinski Jesus sein will, wird ihm das Publikum immer mehr zu den Pharisäern, gegen die sich Jesus verteidigt. „Wer von euch nicht nur eine große Schnauze hat, sondern wirklich ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ oder „Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!“ sind nur zwei Kostproben eines atemberaubenden verbalen Amoklaufs.
Unter improvisierten „Halt’s Maul“-Befehlen, „Wehe euch…“- Androhungen mit ausgestrecktem Finger, Appellen an die Störenfriede, den Interessierten nicht den Abend kaputt zu machen, versucht Kinski, seinen Text zu sprechen, „30 Schreibmaschinen- Seiten“, von mal zu mal emotionaler, aufgewühlter und unter immer größerer Anspannung.

Der Saalsprecher bittet das Publikum: „Lassen Sie Herrn Kinski seinen Text sprechen, dann können Sie hinterher Ihren sprechen!“

Im Publikum hört man Provokationen wie „Phrasendrescher“, „Du streust Hass!“, „Arschloch“, in der Pause ergreift ein Zuhörer das Mikrophon und nennt Kinski „Faschist“, ein anderer predigt auf der Bühne: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ Kinski schreibt später in seiner Autobiografie „Ich brauche Liebe“:

„Das ist ja wie vor 2000 Jahren. Dieses Gesindel ist noch beschissener als die Pharisäer. Die haben Jesus wenigstens ausreden lassen, bevor sie ihn angenagelt haben.“

Aber es gibt einen Epilog.


Als die Deutschlandhalle sich bis auf eine Hundertschaft ausharrender Zuschauer geleert hat, tritt Kinski in ihre Mitte und spricht erschöpft, mit leiser, angerauter Stimme seinen ganzen Text von Anfang bis Ende. Eine andächtige Stimmung macht sich breit, einige, halb ins Dunkel getaucht, falten sogar die Hände. „Meine Erschöpfung ist wie weggeweht“, schreibt Kinski später. „Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Um zwei Uhr früh ist alles zuende“.

Der Film von Peter Geyer ist ein einzigartiges Dokument. Nicht nur über eine Zeit, die mit ihren Autoritäten hadert, die ein schwieriges Verhältnis zur Kunst hat, die nicht mehr nur zuhören, sondern diskutieren will – sondern auch über einen Künstler im Moment seiner Arbeit. Kinskis Rezitation, sein immer neuer Zugang zu seinem Text, seine improvisierende Reaktion auf die Zwischenfälle, sein fast physisches Engagement, diesen Text zuende zu bringen, die sich verändernde Stimme, die Träne, die zweimal beim Sprechen zum Vorschein kommt – all das ist ein festgehaltener Live-Moment höchster Anspannung, Konzentration und Verdichtung.

Der Film zeichnet den Verlauf dieses Abends nach – als ein völlig geschlossenes, inhaltlich, dramaturgisch und emotional funktionierendes Dokument. Die Kunst des Textes vermittelt sich ebenso wie die Aufregung im Saal, die Atmosphäre wird genauso spürbar wie Kinskis Bühnenpräsenz und innerer Kampf. Wenige Auflockerungen unterbrechen den Live-Eindruck, schnell geschnittene Impressionen des Geschehens vor und in dem Saal, Texttafeln mit Zitaten aus Kinskis Autobiografie. Und so wird der 20. November 1971 auch im Kino zu einem „Abend mit Klaus Kinski“. Nachdem jahrelang nur ein Audiomitschnitt des Abends erhältlich war, hat man durch diesen Film endlich die Möglichkeit, sich ein komplettes Bild dieser grandios gescheiterten Bühnenpredigt zu machen. Peter Geyer, Verwalter des Kinski- Nachlasses, hat aus allen ihm zugänglichen Bild- und Tonmaterialien ein faszinierendes Stück Zeitgeschichte rekonstruiert.

„Ich steige auf den ersten besten Tisch und spreche, schreie, brülle, flüstere hauche, keuche, weine, lache die Balladen des François Villon aus meiner Seele. Barfuß, in zerrissenem Pullover und mit Schiebermütze, in der ich nach jeder Ballade Geld einsammle.“

So beschreibt Kinski seinen allerersten Rezitationsabend im Frühjahr 1952 im Berliner Cafe Melodie. Zehn Jahre später beendet er eine Karriere, die Ihresgleichen sucht, wendet sich von der Bühne ab und dem Film zu. Die zuvor erbrachte Leistung ist rekordverdächtig, umfaßt mehrere hundert Auftritte in zumeist ausverkauften Sälen. In nur 4 Jahren, zwischen 1959 und 1962, nimmt er 30 Sprechplatten auf. Als Deklamator schafft er es 1961 sogar auf die Titelseite vom Spiegel, dort will man wissen, daß „eine Milllion Deutsche ihn gehört haben“ und errechnet über 389 Vorstellungen für die vorangegangenen 3 Jahre. Zu dieser Zeit ist er noch weit davon entfernt ein Weltstar zu sein, hat erst einige Nebenrollen und die ersten beiden Edgar-Wallace-Filme aber noch keine Hauptrolle gedreht. Aber er hat ein Publikum, das Ihn als Literatur-Presley verehrt und der Mythos Kinski ist bereits in aller Munde. 1961 tritt er nur fünfmal auf, dann zwingt ihn ein alter Vertrag zurück in den Tourneealltag. Er möchte das Neue Testament bearbeiten und sprechen, aber der Tourveranstalter winkt ab. Schließlich einigt man sich auf klassische Monologe, die Kinski nicht nur rezitieren, sondern in Kostüm und Bühnenbild spielen möchte. Der Presse erklärt er, dass er nicht Goethe, sondern Kinski sprechen werde. Die Erwartungen sind enorm, die Tournee ist ausverkauft. Die Premiere findet am 13. Oktober 1962 im Berliner Sportpalast statt und wird in der lokalen Presse gnadenlos verrissen.
Kinskis verhängnisvoller Irrtum besteht schlicht und ergreifend im Übersehen der Tatsache, dass Sprechtheater für Arenen oder Stadien nicht geeignet ist: Zu wenig ist auf den hinteren Rängen zu erkennen. Bei seinen früheren, auf den Effekt zielenden, lautstarken Wortsalven machte das dem Publikum, ähnlich wie bei Rock-Konzerten, nichts aus, war er gut zu verstehen und sein ekstatischer Vortrag mitreißend, aber mit nachdenklicher Stimme, in klassische Gewänder gehüllt, erfüllt Kinski die Erwartungen des Publikums an Großveranstaltungen im Allgemeinen und an ihn im Besonderen nicht. Er verkennt die Ursachen dafür, ist tief beleidigt und beginnt die Stimmung aufzuheizen. Mal wirft er einen Kronleuchter mit brennenden Kerzen ins Publikum, mal stört er sich lautstark am Lachen oder am Husten eines Zuschauers. Er sucht und findet Gründe, die Abende vorzeitig abzubrechen, was ihm bei ungefähr der Hälfte der über 20 Auftritte gelingt. Der Verlauf von Kinskis Tournee wirkt ein wenig wie die Abtreibung eines nie gewollten Kindes, und mit seinem letzten Auftritt am 9. Dezember in Wien – den er nicht vorzeitig abbricht – beendet er ein weiteres Kapitel seiner Karriere.
In den nächsten Jahren gelingt ihm der Aufstieg zum international gefragten Filmstar. Er residiert in einer ehemaligen Schlossburg und Kirche in der Via Appia Antica und investiert sein schnell verdientes Vermögen in Luxuslimousinen, Dienstboten und Parties.
Im Italo-Western wird sein Gesicht zum Gütesiegel, nicht selten dreht er mehr als zehn Filme pro Jahr. Erst 1971 zwingen ihn die italienische Filmkrise, der dortige Unmut über seine Allüren, seine Schulden und zwei deutsche Angebote in die Heimat zurück. Der junge Filmemacher Werner Herzog möchte Aguirre – Der Zorn Gottes mit ihm drehen, aber zuvor soll er noch den ersten Teil seiner Jesus Christus Erlöser-Tournee absolvieren. Der visionäre deutsche Konzertveranstalter Klaus Berenbrok, der in den Vorjahren erfolgreiche Tourneen mit Juliette Gréco, Udo Jürgens und Gilbert Bécaud durchgeführt hat, ist bereit, Kinskis alte Idee mit ihm umzusetzen. Eilig wird ein Tournee-Plan mit zehn Veranstaltungen für den Zeitraum vom 20. November bis 15. Dezember erarbeitet. Die Premierenveranstaltung, deren Verlauf im Film Jesus Christus Erlöser so präzis rekonstruiert wurde, dass jedes von Kinski vor Abbruch der Veranstaltung auf der Bühne gesprochene Wort enthalten ist, gerät zum Debakel. In den nächsten Tagen sind die Zeitungen voller Berichte über ihren zuverlässigsten Krawall-Lieferanten, gegen den man sich diesmal auf das Schärfste wendet. Die Berichterstattung ist einseitig, Kinski wird zur Witzfigur stilisiert, die Provokationen des Publikums werden mit keinem Wort erwähnt. Niemand schreibt, dass die erste Störung bereits nach fünf Minuten erfolgte und der Erleuchtung eines Zuhörers zu verdanken war, der laut bezweifelte, „dass Kinski Jesus ist“. Die Atmosphäre ist vergiftet, der Vorverkauf für weitere Veranstaltungen erschwert. Berenbrok bittet bereits am 26. November um Entlassung aus seinen Verpflichtungen und meldet kurze Zeit später Konkurs an. Kinskis letzter Bühnenauftritt überhaupt, der am 27. November in der Düsseldorfer Philips-Halle stattfindet, wird bereits von Berenbroks ehemaligem Angestellten Richard Schulze durchgeführt. Kinski tritt ohne Gage – und ohne Unterbrechungen – auf und dann für immer von der Bühne ab.
Erstaunlich ist, daß es in den Archiven bis auf wenige Fernseh- Minuten von einem Rimbaud- und einem Villon-Vortrag, keinen Live-Mitschnitt von Kinskis Rezitationen gibt. Jesus Christus Erlöser gerät dadurch zum einzig nachvollziehbaren Zeitzeugnis einer einmaligen und atemberaubenden Deklamator-Karriere.

„Sie fragen mich, warum ich das Neue Testament mache?! Das kann auch wirklich nur jemand fragen, der vollkommen ahnungslos ist, oder jemand, der also bösartig ist! Wie kann man mich fragen, warum ich das Neue Testament mache? Das können doch nur Idioten fragen für meine Begriffe!“ Kinski im TV-Interview 1971

Kommentare & Kritiken

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