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Die Berliner Philharmoniker waren von 1933-45 das deutsche Vorzeigeorchester und damit Repräsentanten des nationalsozialistischen Regimes. ‚DAS REICHSORCHESTER', der neue Dokumentarfilm von Enrique Sánchez Lansch ( RHYTHM IS IT! ) beleuchtet im Jahr des 125-jährigen Jubiläums der Berliner Philharmoniker diese Ausnahmesituation – vor allem für die Musiker, die diese Zeit wie unter einer Glasglocke erlebt haben.

Langinhalt

„Wir haben weiter die Musik gemacht, die wir mit Furtwängler gewöhnt waren, mit Höhepunkten, wenn er da war und wir lebten, ja ein bisschen, wie unter einer musikalischen Glasglocke [...]“

(Hans Bastiaan, Philharmoniker ab 1934)

Zum ersten Mal wird in der Dokumentation von Enrique Sánchez Lansch die Rolle des weltberühmten Orchesters in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht.

Wie war es, Mitglied der Berliner Philharmoniker zu sein, als das Orchester umworben war und eingespannt wurde für einen Kulturkampf, der in seinem aggressiven Antisemitismus gegenüber den Musikern und deren Familien nicht Halt machte? Blieb die damalige Philharmonie am Anhalter Bahnhof eine Bastion künstlerischer Selbstbestimmung oder geriet das Orchester unweigerlich in den Griff nationalsozialistischer Propaganda?

Zu Beginn der 30er Jahre ist das Orchester in einer desolaten wirtschaftlichen Verfassung. Alle Versuche, mehr Unterstützung durch die Stadt Berlin zu erhalten, sind erfolglos. Den Philharmonikern, denen es über 50 Jahre lang gelungen ist, sich als GmbH selbst zu verwalten und unabhängig zu bleiben, droht das Aus.

Als nach Hitlers Machtübernahme die Philharmoniker Goebbels' Propaganda-Ministerium unterstellt werden, regt sich denn auch wenig Widerstand: Unter dem Dach des Ministeriums ist das Überleben des Berliner Philharmonischen Orchesters gesichert.

Schon bald wirkt sich Goebbels Einfluss' auf das Künstlerkollektiv aus – nach außen ist es ein repräsentativer Kulturträger des deutschen Volkes, nach innen wird eine konsequente ‚Arisierungspolitik' durchgesetzt und die Eigenverantwortlichkeit des Orchesters aufgehoben.

Die Berliner Philharmoniker bilden den musikalischen Rahmen der Reichsparteitage in Nürnberg und der Olympischen Spiele 1936; Hitler und Goebbels halten viele ihrer Reden direkt vom Orchesterpodium aus; regelmäßig gibt es Konzerte für das Winterhilfswerk und die KDF-Bewegung. Zahlreiche Auslandsreisen sollen die Verbindung von deutscher Erneuerung und Hochkultur eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Innerhalb der Orchesterstrukturen wird es immer schwieriger, die Unentbehrlichkeit der jüdischen Orchestermusiker gegen die ‚Arisierungspläne' geltend zu machen. Der Erste Konzertmeister Szymon Goldberg, die Solo-Cellisten Nikolai Graudan und Joseph Schuster sowie der Geiger Gilbert Back sind herausragende Musiker – und doch führt der politische Druck dazu, dass sie bis 1934 das Orchester verlassen müssen und ins Exil gehen.

Wie gehen die anderen Musiker mit diesem Gleichschaltungsprozess um? Proteste gibt es kaum. Nacheinander treten fast zwanzig Musiker der NSDAP bei. Acht schon bis 1936, einige erst in den Kriegsjahren. Manche sind stille Parteimitläufer, andere machen aus ihrer Überzeugung keinen Hehl. Der Geiger Hans Woywoth erscheint in SA-Uniform zur Probe. Diese Kollegen werden zu Aufpassern und Spitzeln. In ihrer Anwesenheit müssen die Kollegen – Kameradschaft unter Musikern hin oder her – äußerst vorsichtig mit ihren Äußerungen sein.

Was hat Orchestermusiker mit einer gesicherten Lebensstellung zum Beitritt bewogen?

Die Verwaltung führt sorgfältige Listen, die nicht nur verzeichnen, welche Mitglieder des Orchesters ‚Parteigenossen' sind, sondern auch, welche ‚halbarisch' sind.

Wie es dazu kam und warum trotzdem eine umfassende Nazifizierung des Orchesters ausgeblieben ist, beschreibt Enrique Sánchez Lansch in einem Dokumentarfilm, der sich ausschließlich auf persönliche Erinnerungen ehemaliger Orchestermitglieder und deren Angehöriger stützt. Der Kontrast dieser persönlichen Erinnerungen mit offiziellen Dokumenten aus Partei und Staat erzeugt ein Spannungsfeld zwischen künstlerischer Freiheit und politischer Naivität einerseits und dem Herrschaftsanspruch einer ‚arisierten Volkskultur' andererseits.

Für die Berliner Philharmoniker selbst ist in ihrer Jubiläumssaison zum 125-jährigen Bestehen die Zeit zwischen 1933 und 1945 ein Schwerpunktthema. Sánchez Lansch nähert sich mit seinem Film nun zum zweiten Mal und auf ganz andere Weise den Berliner Philharmonikern: war RHYTHM IS IT! die Betrachtung der produktiven Orchestergegenwart und –zukunft und des Engagements für ein soziales Projekt, wirft ‚DAS REICHSORCHESTER' erstmals einen Blick auf die Berliner Philharmoniker während Deutschlands dunkelster zwölf Jahre.

Sánchez Lansch verzichtet dabei auf einfache Antworten, unnötige Dramatisierungen oder Zuspitzung auf die bekannten Protagonisten dieser Zeit. In diesem Film geht es um Individuen in einem Kollektiv – nur so kann er auch ein Spiegel sein für die allgemeine Situation, in der sich Deutschland damals befand.

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