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Der große Navigator
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"Bitte in 800 m halb rechts abbiegen, der B 104 folgen…" rät die Frauenstimme im Auto-Navigationssystem des schwäbischen Missionars Jakob Walter. Nachdem er 22 Jahre im Südseeparadies Papua-Neuguinea gelebt und gearbeitet hat, weht ihm der kalte Ostwind entgegen: Der Missionar soll den Atheisten in Mecklenburg-Vorpommern den rechten Weg zeigen. Parallelwelten, schwäbischer Pietismus, Ostdeutschland 15 Jahre nach der Wiedervereinigung und die universelle Frage "wohin geht es?".
Nach ihrem Debütfilm "Schotter wie Heu“ sind die Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier ihrem Ideal vom "real existierender Realismus" treu geblieben und haben sich bei der Arbeit an ihrem neuen Film mit der ostdeutsche Provinz und dem Thema Glauben beschäftigt. Gedreht wurde über den Zeitraum von fast einem Jahr auf DV und Super-16-mm in Neubrandenburg, Schwerin, Wismar und im Schwarzwald.Notiz:
Ein Volk von 60 Millionen wundert sich über ein Volk von 20 Millionen. Über Nacht sind sie gekommen, die Brüder und Schwestern, mit denen man sich in Sonntagsreden so verbunden gezeigt hat. Aber es zeigt sich, daß die Verbundenheit noch nicht einmal durch die gleiche Sprache gegeben ist. Und zu denen, die sich wundern, gehören die Regisseurinnen dieses Films. Sie sind nach Neubrandenburg gegangen, um dort das Wirken eines der Ihren zu beobachten: ein Missionar soll den scheinbar Gottlosen die Ehrfurcht vor Schöpfer und Heiland beibringen.
Und die, die sich wundern, zeigen im ersten Bild Punks, und einer der Punks erkundigt sich mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck nach einer Drehgenehmigung, und durch dieses Wort hört man schon: die vielbeschworene deutsche Einheit, die gibt es nicht. Gott, um den es hier eigentlich nur nebenbei geht, das ist für einen Teil der jungen Neubrandenburger nur Bier. Oder er existiert gar nicht, denn wie könnte es sonst sein, so sinniert eine Landratsamtsangestellte, daß einer zulassen könnte, dass sich ihre Freunde Samstagnachts zu Tode rasen müssen? Und das in einem regelrechten Überwachungsstaat, mit einer Überwachung, die die DDR so nie gekannt hat: an jeder Ecke stehen Kameras und blitzen einen, wenn man als Autofahrer die Geschwindigkeit überschreitet. Und das führt uns wieder zu unserem Missionar, er ist ein wahrer Temposünder und leitet aus diesem Umstand ab, ein leibhaftiger Mensch zu sein.
Fehlerfreie gebe es nicht, auch er müsse sündigen – die Haltung eines Mannes, der schon in Papua-Neuguinea die Heiden und Naturreligiösen zum pietistisch-evangelischen Glauben bekehren wollte? “Der große Navigator“ stellt viele Fragen, Fragen nach dem Sinn und der Notwendigkeit des Glaubens, nach Pseudoreligiosität, letztlich die Frage nach dem "warum“, die Frage, die niemand beantworten kann, und er scheut sich nicht, zu sagen, daß auch er sie nicht beantworten kann. Es bleiben die starken Bilder zweier, die sich wundern über die Menschheit in einem fremden Deutschland und über einen, der dort ein Wunder erhofft.
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